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22.11.2021

Erster Tendyne-Mitralklappenersatz im Katheterverfahren in Brandenburg

Eine Krone für die undichte Mitralklappe: Ein Hochrisiko-Patient mit Mitralklappeninsuffizienz wurde mit neuer Herzklappentechnologie am Immanuel Herzzentrum Brandenburg behandelt.
Immanuel Herzzentrum Brandenburg - Neue Herzklappentechnologie - Krone für die undichte Mitralklappe

Das Herzteam (von links): Oberärztin Kardiologie Dr. Tanja Kücken, Prof. Dr. Georg Lutter (Kiel), Oberarzt Herzchirurgie Dr. Michael Erb, Chefarzt Anästhesie Dr. Georg Fritz, Oberarzt Kardiologie Dr. Michael Neuß, Chefarzt Kardiologie Prof. Dr. Christian Butter, OP-Schwester Elisabeth Stein.

Echokardiographie des Eingriffs: Wie eine „Tulpenblüte“ ist die neue Klappe erkennbar. Daneben drei Elektroden, die in Verbindung mit einem Drei-Kammer-Defibrillator den Patienten vor dem plötzlichen Herztod schützen und seine Herzschwäche mildern.

Der Tendyne-Mitralklappenstent, © Abbott, 2021

Der vollständig implantierte Tendyne-Mitralklappenstent, © Abbott, 2021

Am Immanuel Herzzentrum Brandenburg wurde erstmals in Brandenburg ein Hochrisiko-Patient mit Mitralklappeninsuffizienz mit einem neuen Klappenersatzverfahren behandelt. Mithilfe einer „Tendyne-Klappe“ haben die Bernauer Herzspezialistinnen und Herzspezialisten dem Patienten im Katheterverfahren erfolgreich eine neue Herzklappe eingesetzt. Die neue Technologie ist die erste Behandlungsmöglichkeit ihrer Art, um die Mitralklappe ohne Operation am offenen Herzen zu ersetzen, wenn eine Transkatheter-Reparatur der Klappe nicht möglich ist. Der mehrfach vorerkrankte Patient, bei dem die Mitralklappe nicht mehr vollständig schloss, konnte so ohne Herz-Lungen-Maschine und Öffnung der Brust behandelt werden.

Der 63-jährige Patient und das Herzzentrum wurden in einem komplizierten Auswahlverfahren vom Hersteller Abbott ausgewählt, um die neue Technologie anzuwenden. Unter vielen Bewerbern wurde das Immanuel Herzzentrum Brandenburg aufgrund seiner ausgewiesenen Expertise unter Kardiologie-Chefarzt Prof. Dr. Christian Butter ausgewählt. Es gehört damit zu den wenigen Zentren im Osten Deutschlands, bei denen der Tendyne-Mitralklappenersatz zum Einsatz kommt.

Die Mitralklappe ist eine der vier Klappen des Herzens, die als Ventile zwischen den Herzkammern und den Arterien arbeiten. Die Mitralklappe besteht aus zwei Segeln zwischen dem linken Vorhof und der linken Herzkammer. Wenn die Segel nicht mehr richtig schließen, fließt mit jedem Herzschlag Blut zurück in den Vorhof. Aufgrund der Undichtigkeit der Klappe leidet der Patient an einer Herzschwäche, die Organe werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Herzinsuffizienz. Sie gehört mit zu den führenden Todesursachen.

Herausforderung komplexe Mitralklappe


„Unser Patient hatte wegen einer hochgradig undichten Mitralklappe bereits viel Zeit in anderen Krankenhäusern verbracht. Die Herzschwäche führte zu Luftnot und eingeschränkter Belastbarkeit. Aufgrund seiner zahlreichen Begleiterkrankungen und seines Allgemeinzustandes entschieden wir als Herzteam, bestehend aus Herzchirurgen, Kardiologen und Anästhesisten, dass das Risiko einer offenen Herzklappen-Operation zu hoch war. Auch die bisher etablierten kathetergestützten Maßnahmen wie zum Beispiel ein MitraClip, der auf die Segel aufgesetzt wird und sie zusammenhält, kam aus anatomischen Gründen nicht in Frage“, erklärt Prof. Dr. Christian Butter, Chefarzt der Abteilung für Kardiologie am Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg. „Es ging um Leben und Tod. Der Patient brauchte eine neue Herzklappe, ohne Herz-Lungenmaschine, am schlagenden Herzen, minimal-invasiv, nur durch einen Katheter.“

Eine Herausforderung. Denn während der Ersatz von Aortenklappe in Kathetertechnik (TAVI) sich in den vergangenen 20 Jahren etabliert hat und seit 2008 auch am Immanuel Herzzentrum Brandenburg bereits circa 3.700-mal über die Leiste implantiert werden konnte, gestaltet sich der Einsatz einer neuen Mitralklappe mittels Katheter (TMVI) deutlich komplizierter. Die Anatomie dieser Herzklappe ist komplexer, sie ist sehr beweglich und befindet zwischen zwei linken Herzkammern. Aufgrund der starken Muskelbewegung und der großen Strömung ist die Verankerung der neuen Klappe schwierig. Die biologische Ersatzklappe kann nicht wie eine neue Aortenklappe einfach vor die erkrankte Klappe auf den Faserring gesetzt werden.

„Immer wieder hat die Herzmedizin verschiedenste Ansätze bei ausgewählten Patienten erprobt, aber keine konnte wie die TAVIs überzeugen“, so Prof. Dr. Butter. Mit der seit 2020 zugelassenen Tendyne-Ersatzklappe kommt ein neuer Verankerungsmechanismus zur Anwendung. Ein an der Klappe befestigtes Halteband (Klappen-Tether) wird mit einem kleinen „Knopf“ mit der Herzspitze verbunden und hält so die Klappe in Position. Die zarte künstliche Klappe selbst ist wie eine Doppelkrone in eine etwas größere tulpenförmige Halterung eingenäht. Sobald sie am Faserring, dem Übergang zwischen den Herzkammern, freigesetzt wird, dehnt sie sich aus und dichtet als neue Klappe den Ring ab.

Neue Technologie als einzige Chance für den Patienten


Diese neue Technologie war die einzige Chance für den Patienten in Bernau. Nach gründlicher Vorbereitung setzte der leitende Oberarzt der Abteilung Herzchirurgie, Dr. Michael Erb, einen circa sieben Zentimeter langen Schnitt zwischen den linken Rippen. Durch die Öffnung konnte der Katheter durch die Herzspitze ins Herz bis zur undichten Mitralklappe vorgeschoben werden. Unter echokardiographischer Steuerung durch Dr. Tanja Kücken, Oberärztin der Abteilung für Kardiologie, setzen Prof. Butter und Dr. Michael Neuß, Oberarzt der Abteilung für Kardiologie, die neue Klappe genau an der richtigen Stelle frei. Sie nahm ihre Ventilfunktion sofort problemlos auf.

Nach einem Tag auf der Intensivstation wurde der Patient auf der Intermediate Care Station überwacht. Er konnte inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen werden. „Alle Kontrollen zeigten eine tadellos funktionierende neue Mitralklappe“, bestätigt Prof. Butter.

Diese neue Technik wird, wie üblich bei neuen Therapien, zunächst nur bei ausgewählten Patienten:innen zum Einsatz kommen können.

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